Der Kanzler und die Wutprobe

Was Europas Jugend, Tiefkühlspinat aus dem Marchfeld und Christian Stocker gemeinsam haben. Und was nicht.

von Christian Nusser

25.10.2026 00:53 Uhr

Andere Länder haben Probleme mit Drohnen, uns fliegt gerade der Cremespinat um die Ohren. Vor der Stadtgrenze Wiens macht ein Tiefkühlwerk zu. Das ist insofern von Bedeutung, da es sich offenbar um das einzige größere Unternehmen im Land handelt, das Gemüse und Obst in einen schockgefrorenen Zustand versetzen kann, was schockierend genug ist. Was die Resilienz betrifft, ist Österreich ein Vanillepudding.

Es greift also eine gewisse Angst um sich, ob wir ab Herbst 2027 in den Supermarkt-Verschleißstellen noch ausreichend genug Babykarotten oder Rotkraut-Happel aus heimischem Anbau vorfinden werden, beim Spinat ist schon im Frühjahr Feierabend. Diese Aussicht finden vermutlich nicht einmal Kichererbsen zum Lachen.

Kopfnüsse | S2:EP110

Kopfnüsse 25. 10. 2025: Der Kanzler und die Wutprobe

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Der belgische Konzern Ardo verarbeitet in Groß-Enzersdorf Gemüse, Obst, Kräuter und auch ein paar Nudeln. Die wachsen zwar nicht direkt im Marchfeld, falls Sie danach graben wollen, der Rest aber zu einem guten Teil sehr wohl. Für 500 Bauern aus der Gegend stellt der Vorgang eine akute Bedrohung der Existenz dar. Sie wissen nicht, was sie jetzt aussäen sollen, denn der Abnehmer für ihre Produkte fehlt, jedenfalls in der Nähe, und jeden Tag selbst Bohnen zu essen, ist auch keine Lösung. Spinat oder Erbsen sollten bis spätestens fünf Stunden nach der Ernte verarbeitet werden. Nicht allein, weil sonst viele wertvolle Nährstoffe beim Teufel sind, sondern weil im Spinat Nitrat zu Nitrit wird, und das will erst recht keiner haben.

Der Betrieb rechnet sich für Ardo nicht, zuletzt wurden 23 Millionen Euro Verlust gemacht. Seltsamerweise essen wir immer mehr Tiefkühlzeug, ein Geschäft scheint das trotzdem nicht zu sein. Vielleicht sollte sich der Spinat einmal hinterfragen. Nun werden die Maschinen abgebaut und in andere Länder verfrachtet, dort kann billiger produziert werden. Das Werk an einen anderen Betreiber zu übergeben, will der Konzern nicht, wer mästet schon gern die eigene Konkurrenz und das auch noch mit Edamame? 200 Arbeitsplätze fallen weg, 80 Prozent des heimischen Gemüses aus dem Marchfeld werden auf einen Schlag heimatlos.

Ich erzähle das deshalb, weil der Vorgang ein Schlaglicht auf die schleichenden Veränderungen in der Politik wirft, die in den vergangenen Jahrzehnten um sich gegriffen haben. Es ist beileibe nicht das erste Mal, dass ein internationaler Konzern Österreich den Rücken kehrt, aber der Umgang mit solchen Zeiterscheinungen hat sich gravierend gewandelt. Vor 30 Jahren etwa beschloss der deutsche Reifenkonzern Continental, das Semperit-Stammwerk in Traiskirchen zu schließen. Das war noch vor der Zeit, ehe der Ort als Wirkungsstätte von Andreas Babler zu lokalem Weltruhm gelangte.

Helmut Graf Außenministerin Beate Meinl-Reisinger, Europaministerin Claudia Bauer und Staatssekretär Jörg Leichtfried stehen mit UNO-Geschäftsführerin Monica Juma in der UNO-City in Wien

Ich darf Dir, liebe Beate, gleich das Wort übergeben …

Helmut Graf Außenministerin Beate Meinl-Reisinger, Europaministerin Claudia Bauer und Staatssekretär Jörg Leichtfried stehen mit UNO-Geschäftsführerin Monica Juma in der UNO-City in Wien

… das war ein Fehler

Die Hölle brach los. Es gab wütende Proteste, Solidaritäts-Demos unter dem Titel „Wir sind Semperit“. Politiker brandmarkten den Reifentandler als „Subventionsdieb“, der damalige Kanzler Franz Vranitzky schaltete sich persönlich ein und befahl die deutsche Konzernspitze zum Rapport. Der Traiskirchner SPÖ-Bürgermeister Fritz Knotzer erließ Jahre später sogar eine Dienstanweisung, in der er der Stadt offiziell verbot, Produkte von Continental oder Semperit für den kommunalen Fuhrpark anzuschaffen. Nur falls Sie auf den Gedanken kommen, Populismus wäre eine Erfindung der neuesten Neuzeit.

ÖVP-Wirtschaftsminister Hannes Farnleitner bestellte Kameraleute und Fotografen zu einem Medientermin vor seinen Amtssitz ein. Dann ließ er seinen schwarzen Dienstwagen am Wiener Stubenring vorfahren, die alten Reifen abmontieren und fabrikneue Semperit-Bock aufziehen. Farnleitner posierte neben den Mechanikern. Er nahm in Kauf, dass er mit dem Kauf der neuen Reifen dem verhassten Unternehmen Continental Geld zukommen ließ. Der Zweck heiligt eben die Mittel, vor allem wenn diese Mittel aus Steuermitteln stammen.

Der Aktionismus hatte kurzzeitig Erfolg. Continental lenkte ein und führte die Produktion, wenn auch eingeschränkt, weiter. Das änderte nichts daran, dass fünf Jahre später die Schließung des Werks angekündigt und weitere acht Jahre später endgültig vollzogen wurde. Dem Patienten wurden lebensverlängernde Infusionen verabreicht, weil sich niemand die Wahrheit zu sagen getraute. Das verschaffte Zeit für Alternativen, vor allem aber blieb ein Grundgefühl bestehen. Dass sich die Verantwortlichen richtig ins Zeug gelegt haben und das vom Kanzler abwärts.

Helmut Graf Außenministerin Beate Meinl-Reisinger mit Staatssekretär Jörg Leichtfried

Wenn Du nachher in den UNO-Teich reinspringst …

Helmut Graf Außenministerin Beate Meinl-Reisinger mit Staatssekretär Jörg Leichtfried

… tu die Arme auseinander, vergiss nicht …

Außenministerin Beate Meinl-Reisinger mit Staatssekretär Jörg Leichtfried

… Du hast keine Schwimmflügerln an

Ich will jetzt nicht behaupten, dass die Politik aktuell bei Ardo untätig ist, aber im Vergleich zu dem, was 1996 vor sich ging, weht im Oktober 2026 ein Mailüfterl. Es bemühen sich einige im Hintergrund, es gibt Krisengipfel, von ominösen Investoren ist die Rede. Andere Unternehmen, deren Leidenschaft es ebenfalls ist, alles Mögliche auf Eis zu legen, werden als Retter genannt. Aber viel Rabatz war bisher nicht, mehr Achselzucken. Das Ende wurde erstaunlich schnell zur Kenntnis genommen, die eigene Machtlosigkeit auch. Der Landwirtschaftsminister schrieb einen Brief an die Konzernzentrale in Belgien, aber vielleicht war er unterfrankiert, jedenfalls hat sich das Spinatblatt dadurch nicht gewendet.

Der Kanzler nimmt in der Spinat-Krise auch nicht gerade die Rolle eines Popeye ein. Es dürfte seinen Grund haben, warum er in der Nachfolgefrage für James Bond nicht in die engere Auswahl kam. Wenn mir nichts entgangen ist, dann hat sich Christian Stocker zu Ardo bisher überhaupt nicht öffentlich geäußert. Das überrascht, denn offenbar lässt die Kaltware viele Menschen heiß laufen. Die Petition „Rettet das Tiefkühlgemüse aus dem Marchfeld“ fand immerhin schon 126.000 Unterstützer.

Der Vorgang erinnert an den Dürresommer. Das Land brannte ab, aber die Regierungsspitze sah sich in trockenen Tüchern. Der Kanzler schaltete sich erst im letzten Moment in die Rettungsgespräche für die Bauern ein, der Rest der Truppe blieb lieber gleich dort, wo es kühler war. Und ruhiger.

Die Kommunikation der Regierung allgemein und von Stocker im Speziellen gibt immer mehr Rätsel auf. Gegen Ende der Woche einigte sich die Koalition auf die Reform der Sozialhilfe. Angesichts weltanschaulicher Unterschiede war das kein leichtes Unterfangen und kommt der Rettung von Cremespinat schon recht nahe, ich möchte das gar nicht kleinreden. Aber: Der Pakt wurde am Donnerstag präsentiert, der Kanzler weilte zu diesem Zeitpunkt in Montenegro. Er nahm an einem Gipfel zum „Berliner Prozess“ teil. Die Initiative versucht seit 12 Jahren, die Westbalkanstaaten näher an Europa heranzuführen, Österreich übernimmt zu Jahresbeginn den Vorsitz. Alles schön und gut, allerdings stellen sich Fragen.

Außenministerin Beate Meinl-Reisinger fotografiert und wird fotografiert

Pistolen-Duell, Version 2026

Etwa, warum die „Sozialhilfe neu“ ausgerechnet an einem Tag vorgestellt wird, an dem der Kanzler außer Landes ist? Er selbst nennt die Umgestaltung „eine der größten, wenn nicht die größte bisherige Reform der Bundesregierung“. Und dann ist er nicht dabei, wenn sie ins Leben geholt wird? Nicht der Kanzler, nicht der Vizekanzler traten zum Rapport an, man überließ die Bühne jovial Vertretungen. Das ist rücksichtsvoll, aber wieso stellt sich die Regierungsspitze regelmäßig in aller gelebten Dreieinigkeit vor die Kamera, wenn es darum geht, ein Pfitschigogerl-Thema anzupreisen, aber nicht, wenn ein Elfmeter nur mehr ins Tor geschossen werden muss?

Stocker dürfte das im Laufe des Tages selbst aufgefallen sein. Denn am Nachmittag meldete er sich plötzlich in allerlei Medienredaktionen, um gebetsmühlenartig vorzutragen, welches Wunderwerk die „Sozialhilfe neu“ sei. Es ging ihm sichtlich darum, sich das Thema unter den Nagel zu reißen und die Reform als seine Reform zu verkaufen. Das ist legitim, aber weshalb passierte der ganze Zinnober dann nicht einen Tag später? Da war der Kanzler wieder im Land, wenn auch seine Laune kein Land sah.

Stocker wirkt zunehmend genervt und grantig. Er gibt immer häufiger schnippische Antworten, den Buddha hat er sich längst selbst ausgetrieben. Auf Kritik an der Reform der Sozialhilfe reagierte er am Freitag unwirsch. Schon am Mittwoch war er im U-Ausschuss zum Tod von Sektionschef Christian Pilnacek zu Gast und geriet in Rage. Er sprach von einer „politischen Inszenierung“ und von „Unterstellungen“. Der Grün-Abgeordneten Nina Tomaselli drohte er eine Klage an. „Wenn Sie mir Unrecht und Rechtswidrigkeit unterstellen, wird das Konsequenzen haben“, sagte Stocker. „Ich lasse mir das nicht von Ihnen bieten“.

Immerhin aber wurde ein neues Wort in die mediale Landschaft ausgesät: Paradigmenwechsel. Der Begriff war in den vergangenen drei Tagen häufiger zu hören, mutmaßlich stammt er aus der Marketing-Gemeinschaftsküche der Regierung, dort wo die Kommunikations-Happen ausgegeben werden wie Klostersuppen. Vom Paradigmenwechsel werden wir in naher Zukunft noch viel hören. Der eher kühle Ausdruck wird nicht die Herzen erobern, aber vielleicht den Alltag. Wenn Sie sich jetzt die Winterreifen aufs Auto schrauben lassen, ist das schließlich auch eine Art von Paradigmenwechsel.

Helmut Graf Verteidigungsministerin Klaudia Tanner mit ORF-Chefin Ingrid Thurnher und Brigadier Christian Habersatter

Dass die immer so einen Staub aufwirbeln müssen …

Helmut Graf Verteidigungsministerin Klaudia Tanner mit ORF-Chefin Ingrid Thurnher

… Hilfe, ich werd‘ blind …

Helmut Graf Verteidigungsministerin Klaudia Tanner mit Brigadier Christian Habersatter. Sie setzt sich eine Sonnenbrille auf

… wo sind meine Sonnenbrillen? …

Helmut Graf Verteidigungsministerin Klaudia Tanner setzt sich eine Sonnenbrille auf

… das hat jetzt eh keiner gesehen, oder?

Selbst in der Regierung soll ein Paradigmenwechsel anstehen, höre ich. Die Neuwahlgerüchte sind für den Moment abgeraucht, nun planen zumindest ÖVP und SPÖ so etwas wie einen Neustart. Der Amtsantritt von Markus Marterbauer als Vizekanzler zu Jahresbeginn soll dafür hübsch ausdekoriert werden. Bei der Gelegenheit will die Koalition ihr lästiges Image loswerden, über die Maßen viele Ministerien und Staatssekretariate zu betreiben. Im Nationalrat wurde deshalb bekanntlich sogar der Platz knapp. Oder, positiver ausgedrückt: Bei der Renovierung des Parlaments wurde zu wenig auf personelle Üppigkeiten Rücksicht genommen.

Nun ist die Rede davon, dass Volkspartei und Sozialdemokratie jeweils einen Staatssekretär „opfern“ wollen. Es soll das Bild erzeugt werden, dass die Regierung bei sich selbst auch spart. Die Neos wird die Diät nicht treffen, sie stellen ohnehin nur eine Ministerin, einen Minister und einen Staatssekretär. Ihr Paradigmenwechsel wäre in diesem Fall fast schon eine Crash-Diät.

Verteidigungsministerin Klaudia Tanner mit ORF-Chefin Ingrid Thurnher vor Militärfahrzeugen

Den nehm‘ ich mir nach Hause für die Gartenarbeit mit

Mitte der Woche war ich in London, um mir etwas Medienzukunft auszuschauen. Davor durfte ich noch einen kurzen Blick auf die Mediengegenwart werfen, Gerhard Zeiler hatte am Dienstag in der Früh zu einem Hintergrundgespräch ins Café Landtmann in Wien geladen. Wer auf Diskretion aus ist, ist an einem anderen Veranstaltungsort sicher besser aufgehoben. Zeiler war das mutmaßlich wurscht. Er hatte für die Zusammenkunft das Löwelzimmer gewählt, es liegt in Sichtachse zur Löwelstraße, dem Hauptquartier der SPÖ, die ihn nicht als neuen Parteichef wollte, was Zeiler mittlerweile ebenfalls ziemlich wurscht sein dürfte.

Nebenbei bemerkt, Burgund wäre eine hübsche Parteifarbe für die SPÖ, das Löwelzimmer nahe der Löwelstraße ist schon in diesem dunklen Rot gehalten. Als ich reinkam, saß Zeiler eher in sich gesunken da. Er sah aus wie ein Tourist der Viking Lines, dem sein Kreuzfahrt-Guide geraten hatte, unbedingt in dieses berühmte Wiener Kaffeehaus zu gehen und sich nun fragte, in welcher Stadt er überhaupt war. Das änderte sich rapide. Der Termin begann, Zeiler richtete sich auf und referierte in deutlichen Worten, wie er die Zukunft von Europa und Österreich sieht und welche Rolle er darin einnehmen will.

Mit 71 hat er einen Think-Tank gegründet, der nicht Think-Tank genannt werden will, sondern „Institut 2035“. Ende November gibt Zeiler seinen Wohnsitz in den USA auf und übersiedelt vollständig zurück nach Österreich. Andere in seinem Alter ordnen ihre Briefmarkensammlung, unterstreichen im Fernsehprogramm, was sie abends sehen wollen und essen um 11.30 Uhr zu Mittag, weil bei ihnen immer Sommerzeit ist. Zeiler dagegen will sich weiter betätigen, wenn ihm die SPÖ schon nicht die Möglichkeit einräumt, dann macht er halt etwas anders. Ich unterstelle, dass er selbst noch nicht so recht weiß, was er mit seinem „Institut 2035“ anstellen will, aber er sperrt es jetzt einmal auf, der Rest wird sich finden.

Helmut Graf Verteidigungsministerin Klaudia Tanner steht vor einem elektronischen Schild, auf dem steht: "Befehl: lächeln und klicken!"

So weit kommt’s noch

Ich bin Zeiler das erste Mal in den Neunzigerjahren über den Weg gelaufen, damals habe ich Probenummern von TV-Media produziert und war deshalb 1994 bei ihm in Köln. Er war dort Chef von RTL 2, aber schon als ORF-Generalintendant designiert. Zeiler lebte in einer winzigen Dachgeschoss-Wohnung nahe vom Dom. Eine Junggesellenbude, mit einer Stereoanlage als Juwel und einer Einbauküche, so unbenutzt wie blitzsauber. Das komplizierteste Gericht, das hier je hergestellt worden sein dürfte, wird wohl Tee gewesen sein.

RTL 2 sendete damals aus einer Wellblechhüten-Landschaft in der Vorstadt, vier Container, zwei beheizt, zwei nicht, daneben lag eine Hendlfabrik. „Im Winter wurde jeden Tag gelost, wer in die beheizten Container durfte“, erinnert sich Zeiler heute. Die Legebatterie war Ausgangspunkt für eine Weltkarriere, die nun in Wien ausklingen soll und das mit einigem Getöse.

„Verdammt, das kann so nicht weitergehen“, sagt Zeiler. Er sieht einen Tsunami auf uns zukommen und warnt vor den Beschwichtigern. Ich kann nachvollziehen, dass ihn die SPÖ nicht als Chef wollte. Was ich weniger verstehe: Warum hat sie ihm nicht wenigstens zugehört? Das hätte vielleicht einen Paradigmenwechsel ausgelöst.

Helmut Graf Verteidigungsministerin Klaudia Tanner kriecht zum Spaß am Boden

Wo sind meine Kontaktlinsen? …

Helmut Graf Verteidigungsministerin Klaudia Tanner kriecht zum Spaß am Boden

… ah, ich hab‘ ja gar keine

Der erste Tsunami ist schon da. Auch in der Nacht auf Sonntag erlebte Frankreich Krawall. An vielen Ecken und Enden brennt es jetzt in Europa, aus unterschiedlichen Gründen, aber der kleinste gemeinsame Nenner heißt Wut. Sie ist in Zeiten wie diesen keine Mangelware. Ich will da gar nichts relativieren oder beschönigen. Ein Mob zieht durch die Straßen, räumt Geschäfte aus, plündert Luxusshops, das wirkt sehr professionell organisiert. Schranken fallen, es wird gezündelt, in Worten und in Taten. Historische Gebäude und Autos werden abgefackelt, Amtshäuser gestürmt, Feuerwerkskörper, Steine fliegen Richtung Polizei, die mit Tränengas und Wasserstößen antwortet. Es sind Szenen wie aus einem Bürgerkrieg.

Die Proteste in Frankreich wurden aus derzeitiger Sicht von verschiedenen Gruppen gekapert, von Linksextremen, Autonomen, Migrantengruppen aus den Vorstädten, Antisemiten, auch von klassischen Kriminellen. Hier geht es längst nicht mehr um Protest, sondern um rohe Gewalt. Hier werden Anliegen instrumentalisiert und darin liegt die eigentliche Gefahr der Ausschreitungen, denn es braut sich ein unheilvoller Cocktail zusammen.

Die Wut hat nämlich eine Vorgeschichte. Sie lässt sich nur erkennen, wenn man die Gewaltexzesse für einen Moment ausblendet. Nach wie vor will ich nichts relativieren, aber wir sollten schon auch einen Blick auf die Menschen richten, die zu Beginn auf die Straßen gingen, um konkrete Anliegen zu artikulieren. Es handelt sich vorrangig um junge Leute, Schüler, Studentinnen, sie gehören einer Generation an, die eines verbindet: Viele, die ihr angehören, fühlen sich abgehängt. Unsichtbar. Ignoriert.

Helmut Graf Integrationsministerin Claudia Bauer, Sozialministerin Korinna Schumann und Außenministerin Beate Meinl-Reisinger auf einer Pressekonferenz zur Sozialhilfe neu

Das mit der Sozialhilfe ….

Helmut Graf

… war manchmal echt pfuuuh …

Helmut Graf Integrationsministerin Claudia Bauer, Sozialministerin Korinna Schumann und Außenministerin Beate Meinl-Reisinger auf einer Pressekonferenz zur Sozialhilfe neu

… ich bin richtig energisch geworden …

Helmut Graf Integrationsministerin Claudia Bauer, Sozialministerin Korinna Schumann und Außenministerin Beate Meinl-Reisinger auf einer Pressekonferenz zur Sozialhilfe neu

…. Korinna, einmal noch das Gesicht verziehen, dann ist Schluss

Junge Menschen wachsen heute in Europa in einer Welt auf, in der sie nicht stattfinden. Weil es immer mehr Ältere gibt und immer weniger Kinder, ist das System gekippt. Gesellschaft und Politik richten ihre Augen fast ausschließlich auf die Generation 50 plus, auch bei Themen, die vorrangig ihre Kinder und Enkel betreffen werden. Dass sich junge Menschen keine Wohnung mehr leisten können, von Eigentum erst gar nicht zu reden. Dass sie vom Klimawandel voll erwischt werden, Krisen erben, in einer Arbeitswelt landen, die von künstlicher Intelligenz geprägt sein wird und auf die sie das Bildungssystem so gar nicht vorbereitet, spielt in der öffentlichen Debatte keine Rolle.

Wer glaubt, das ist vorbei, wenn kein Auto mehr brennt, der irrt. Das geht nicht weg und das Einzige, was mich dabei wundert, ist, dass es so lange gedauert hat, bis alles aufgebrochen ist. Darüber sollten wir vielleicht nachdenken, jetzt, wo wir einen Tag mehr Raum dafür haben.

Ich wünsche einen wunderbaren Sonntag. Vergessen Sie nicht, die Zeit umzustellen oder sich mit der Zeit umzustellen. Eigentlich ist es dafür ohnehin zu spät, denn die Uhren wurden schon in der Nacht um eine Stunde zurückgedreht. Ich denke, das stimmt so, ich habe mich eingelesen. Wenn ich falschliege, macht das auch nicht viel, am 28. März 2027 geht es ohnehin wieder in die andere Richtung. Also nach vorn. Oder zurück, wir werden sehen. Wieder so ein Paradigmenwechsel.

Bis in einer kleinen Weile!

Titelbild: APA-Images/photonews.at/Georges Schneider

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